Die Jihad-Droge Captagon

Oder:  wie man einen Menschen dazu bringt, sich in die Luft zu sprengen

 

Ostersonntag am 27. März 2016, 17:30

Es ist noch angenehm warm in der Millionenmetropole Lahore, Pakistan. Viele dort lebende Christen feiern das Auferstehungsfest mit einem Picknick im Freien. Familien mit Kinderwägen drehen ihre Runden, Kinder laufen vergnügt um die Wette. Die letzten Sonnenstrahlen treffen auf den bereits etwas altmodisch wirkenden Spielplatz.

17:53

Ein Mann geht zielstrebig zum Haupteingang, neben bunten Schaukeln und Karussellen bahnt er sich den Weg.

17:54

Was folgt, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Der 28-jährige Mann zieht an einer Schnur in der Nähe seiner Gürteltasche und sprengt sich mit 20kg Sprengstoff in der Mitte des Spielplatzes in die Luft. Berichtet wird von einem Schlachtfeld mit abgerissenen Körperteilen, ein Meer aus schmerzerfüllten Schreien und Hilferufen. Ein Dutzend Menschen sterben sofort durch die Wucht des mit Nägeln gefüllten Sprengsatzes. Die Bilanz:  74 Tote – davon 35 Kinder – und 320 Verletzte.

Die Frage, die nach der Fassungslosigkeit und Trauer übrig bleibt: Was treibt einen Menschen dazu, unzähligen Unschuldigen und sich selbst das Leben zu nehmen?

Dem Entscheidungsprozess als Märtyrer zu sterben geht eine langwierige Entwicklung in Richtung soziale Isolation und religiösem Fanatismus voraus. Die Entscheidungsfindung ist schwer diagnostizierbar und viel komplexer als angenommen. Rückblickend kann man aus Terroranschlägen mit Märtyrern zwei Faktoren feststellen, die stets im Spiel sind – hier kommen Anti-Terror-Spezialisten und Politikwissenschaftler meist auf einen grünen Zweig:

  1. Die langwierige Indoktrinierung

Brutales Brainwashing mit salafistischen Ideologien findet in Form von Trainingscamps auf der ganzen Welt, versteckt von der Öffentlichkeit statt. Emotional labile Persönlichkeiten werden mit Versprechungen vom Paradies nach dem irdischen Leben, mehreren Jungfrauen und einem perfekten Leben gezielt beeinflusst. Die Gehirnwäsche erweckt schlussendlich den Gedanken, dem Leben im Diesseits zugunsten einer höheren Moral ein Ende setzen zu wollen. Für eine höhere Moral (Allah) zu sterben wird von salafistischen Gruppierungen als das erstrebenswerteste Ziel im irdischen Leben angesehen.

  1. Die Beeinflussung durch Drogen

Der 2. Faktor wird von der Mainstream-Berichterstattung meist komplett außer Acht gelassen: bei derartigen Operationen stehen die ausführenden Terroristen unter dem Einfluss psychotroper Substanzen. Und zwar so stark, dass sie nicht mehr in der Lage sind, Gefühle zu empfinden.

Amphetamin-Derivat – Kriegstreibmittel einst und jetzt

Bereits im 2. Weltkrieg wurden Arzneipräperate an Soldaten weitergegeben, um sie bei Laune zu halten. Bei diesen Drogen geht es den Kämpfern in erster Linie nicht um bewusstseinserweiterende Erfahrungen. Vielmehr geht es um ein besseres, angstfreieres, schnelleres und vor allem lange andauerndes, hoch konzentriertes und effizienteres Handeln im Kampf. Wenn sich das erreichen lässt, warum sollte man es nicht versuchen? Warum sollte man nach einem Kampfeinsatz nicht gezielt Präparate einnehmen, die dazu führen, dass die Erinnerung an das, was man gerade an Grauenhaftem erlebt hat, sich nicht im Gedächtnis festsetzt, wo es möglicherweise zu einer posttraumatischen Belastungsstörung auswachsen kann?

Captagon – die Droge der Gotteskrieger

Doch zurück zu den islamistischen Attentätern: Das indoktrinierte Mindset einerseits, und die dröhnende Betäubung andererseits bilden zusammen die perfekte Symbiose für solch kaltblütige Morde. Bereits seit 2011 wird im Syrienkonflikt das mittlerweile als Jihad-Droge bekannte Captagon, auch bekannt unter Fenetyllin verkauft und von Kämpfern konsumiert. Furchtlos und schmerzfrei soll es machen, Kämpfer wie Zombies soll es kreieren. Schon von dem tunesischen Attentäter der im Sommer 2015 am Strand von Sousse auf ausländische Touristen schoss, wurde berichtet, dass er bis über beide Ohren gelacht und seine Opfer während dem Blutbad fotografiert hatte – ein Verhalten wie auf Droge wurde von Überlebenden beschrieben.

Seit den 80er Jahren ist Captagon in Deuschland und Österreich verboten. Der Wirkstoff macht schnell süchtig – es fällt daher unter das Betäubungsmittelgesetz. Wer die synthetische Droge nimmt, braucht keinen Schlaf und hat keinen Appetit mehr. Auf lange Sicht ist das fatal –Captagon Abhängige werden oft als “lebende Skelette” beschrieben.

Nach den Anschlägen durchkämmte die Polizei die Hotelzimmer der Attentäter und fand neben Pizzakartons, Colaflaschen, Plastikröhrchen auch Einweg-Spritzen. Das zu den Amphetamin-Derivaten gehörende Stimulans wurde im Zuge der Ermittlungen im Blut der Paris-Attentäter nachgewiesen. Dies ist nicht verwunderlich: Es ist wohl kaum vorstellbar, in welcher Stresssituation sich ein Attentäter vor seinem Tod befinden muss. Um dem psychischen Druck den Garaus zu machen dröhnen sich die meisten bis sie sich zu der Tat in der Lage fühlen zu. Speziell von Captagon heißt es, dass der eigene und der andere Schmerz nicht mehr wahrgenommen wird.

Wer sich schon einmal mit dieser harten Frage gequält hat, kann die Zusammenhänge jetzt eventuell besser nachvollziehen. Krieg und Gewalt geht auch immer Hand in Hand mit dem Verkauf  Drogen – alles hängt untrennbar zusammen.

 

 

Quellennachweise:
http://derstandard.at/2000033753748/Pakistanische-Taliban-Haben-Attentat-begangen-weil-Christen-unser-Ziel-sind
http://www.sueddeutsche.de/politik/aufputschmittel-captagon-droge-des-krieges-1.2752802
http://de.euronews.com/2015/11/25/terroristen-auf-droge—warum-captagon/
http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/162236/index.html
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